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Interview mit Thomas Ebeling (CEO)

2012 war erneut ein Rekordjahr für die ProSiebenSat.1 Group. Auf dem Weg zu einem digitalen Entertainment & E-Commerce Powerhouse hat das Unternehmen entscheidende Fortschritte gemacht. CEO Thomas Ebeling blickt auf das erfolgreiche Geschäftsjahr zurück.

Herr Ebeling, was waren Ihre Highlights im Jahr 2012?

THOMAS EBELING ... Ich bin sehr zufrieden mit dem Geschäftsjahr 2012. Wir sind dynamisch gewachsen und haben ein neues Rekordniveau bei Umsatz und Ergebnis erzielt. Außerdem sind wir mit unserem Digitalgeschäft sehr gut vorangekommen. Wir haben unsere Expansion in die digitale Welt erfolgreich fortgesetzt und den Umsatz im Segment Digital & Adjacent um fast 40 Prozent gesteigert. In unserem Kerngeschäft Free-TV haben wir ebenfalls wichtige Ziele erreicht: Wir konnten unsere HD-Distributionserlöse deutlich steigern und haben in Deutschland und Österreich erfolgreich neue Free-TV-Sender gegründet. Damit sind wir für die Zukunft hervorragend aufgestellt.

2012 hat ProSiebenSat.1 das nordeuropäische Senderportfolio an Discovery Communications verkauft. Wie passt der Ausstieg aus dem internationalen TV-Geschäft in Ihre Wachstumsstrategie?

THOMAS EBELING ... Unser nordeuropäisches TV- und Radioportfolio war in der Tat ein sehr gutes Geschäft und wir sind stolz, dass wir es in den vergangenen Jahren so erfolgreich weiterentwickeln konnten. Gleichzeitig haben wir das skandinavische TV-Geschäft an einen Punkt geführt, an dem es für uns nur noch begrenzte Wachstumsmöglichkeiten gab. Wir sind überzeugt, dass der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft der Gruppe das Zusammenspiel unseres deutschsprachigen TV-Geschäfts mit der Digitalsparte ist. Der Markt war bereit, uns mit 1,325 Mrd Euro einen hochattraktiven Preis zu zahlen. Das Bewertungs-Multiple lag beim knapp Zehnfachen des bereinigten EBITDA und damit deutlich über der Bewertung der gesamten ProSiebenSat.1 Group. Dadurch haben wir für alle Aktionäre einen deutlichen Mehrwert geschaffen. Wir planen, den Verkaufserlös in Höhe eines Betrages von 500 Mio Euro zur vorzeitigen Teil-Rückführung endfälliger Darlehensverbindlichkeiten und im Übrigen für Investitionen in den laufenden Geschäftsbetrieb zu verwenden. Dementsprechend steht der operative Cashflow in größerem Umfang für andere Zwecke zur Verfügung. Aus diesem Grund beabsichtigen wir, der Hauptversammlung für das Jahr 2012 eine Dividende in Höhe von 5,65 Euro je Vorzugsaktie und 5,63 Euro je Stammaktie vorzuschlagen.

Nach dem Verkauf des Nordeuropa-Geschäfts basiert die ProSiebenSat.1-Strategie auf drei Segmenten: Broadcasting German-speaking, Digital & Adjacent sowie Content Production & Global Sales. Worin liegt die Stärke dieser Strategie?

THOMAS EBELING ... Fernsehen macht uns einzigartig. Es ist der Kern unseres Unternehmens und unserer Strategie. Das hat einen simplen Grund: Wir erreichen mit unseren Sendern über 41 Millionen TV-Haushalte. Gleichzeitig ist TV das effektivste Werbemedium. Mit Online-Video, Online-Games oder dem Ventures-Geschäft haben wir uns in den vergangenen Jahren Geschäftsfelder erschlossen, die stark wachsen und gut zum TV-Bereich passen. Über Werbung auf unseren Sendern können wir auch eigene Produkte aus diesen Branchen bewerben und zu erfolgreichen Marken aufbauen. Die Vernetzung unseres TV-Geschäfts mit unseren Digital- und Ventures-Aktivitäten ist die Basis für dynamisches und langfristiges Wachstum der ProSiebenSat.1 Group.

Sie haben es bereits angesprochen, der Umsatz im Segment Digital & Adjacent ist 2012 um fast 40 Prozent gewachsen. Was war ausschlaggebend für diesen Erfolg?

THOMAS EBELING ... Wir haben vier Business-Bereiche im Segment Digital & Adjacent und alle sind mindestens zweistellig gewachsen, das Ventures-Geschäft sogar dreistellig. Wir sind Deutschlands führender Bewegtbild-Vermarkter und erreichen mit unserem Online-Netzwerk jeden Monat über 25 Millionen Unique User. Mit maxdome betreiben wir Deutschlands größtes Video-on-Demand-Portal und bieten Nutzern über 50.000 Titel auf Abruf. MyVideo haben wir 2012 zu einem Online-TV-Sender ausgebaut. Mit unserem Online-Games-Geschäft sind wir 2012 ebenfalls deutlich gewachsen. Wir halten die europaweiten Exklusivrechte an attraktiven Blockbuster-Games von Sony Online Entertainment, die wir international vermarkten. Bei unserem Music-Label Starwatch Entertainment entwickelten sich die Erlöse ebenfalls äußerst positiv. Wir haben dort erfolgreiche Künstler wie Lenny Kravitz, Die Fantastischen Vier oder Heino unter Vertrag.

Und das Ventures-Geschäft?

THOMAS EBELING ... Das Ventures Business lieferte 2012 mit einer dreistelligen Steigerungsrate beim Umsatz den größten Wachstumsbeitrag im Segment Digital & Adjacent. Dabei stellen wir ausgewählten Start-up-Unternehmen freie Werbezeiten zur Verfügung und erhalten im Gegenzug eine Umsatz- und/oder Unternehmensbeteiligung. Auf diese Weise haben wir seit 2009 ein Ventures-Portfolio mit über 50 Partnerschaften und strategischen Beteiligungen aufgebaut. Bei der Auswahl der Start-up-Unternehmen fokussieren wir uns auf Firmen aus den Bereichen Reise, Sport, Beauty, Gesundheit, Mode, Wohnen sowie Market Places. Als Konzern profitieren wir doppelt: Wir nutzen freie Werbeflächen effizient und gewinnen gleichzeitig attraktive Beteiligungen und Partnerschaften.

Mit dem Segment Content Production & Global Sales sind Sie in der Produktion und dem Vertrieb von TV-Programmen aktiv. Wie lief es hier 2012?

THOMAS EBELING ... Auch in diesem Segment haben wir 2012 entscheidende Fortschritte gemacht. Unser größtes Ziel war es, uns in den englischsprachigen TV-Märkten USA und Großbritannien zu etablieren. In diesen Ländern erzielt man die höchsten Margen, gleichzeitig haben sie Signalwirkung. Wenn eine Show in den USA oder Großbritannien erfolgreich läuft, verkauft sie sich in die ganze Welt. Im vergangenen Geschäftsjahr haben wir in beiden Märkten Mehrheitsbeteiligungen an Produktionsunternehmen übernommen. Außerdem haben wir eine Vertriebs-Dependance in Hongkong eröffnet. Insgesamt ist Red Arrow nun mit 18 Firmen in neun Ländern vertreten. Drei Jahre nach Gründung zählt die Gruppe bereits zu den Top Ten der weltweit erfolgreichsten unabhängigen Produktionsunternehmen. Wir haben 2012 TV-Formate in mehr als 150 Länder verkauft.

„Die Vernetzung unseres TV-Geschäfts mit unseren Digital- und Ventures-Aktivitäten ist die Basis für dynamisches und langfristiges Wachstum der ProSiebenSat.1 Group.“

Die Wachstumsfelder entwickeln sich sehr dynamisch. Wie ist es mit dem klassischen Fernsehgeschäft – hat TV in der digitalen Welt tatsächlich eine Zukunft?

THOMAS EBELING ... Absolut! Vor zehn bis 15 Jahren konnte niemand wirklich einschätzen, wie sich die neuen Medien auf die TV- und Print-Branche auswirken werden. Manche sagten dem Fernsehen schon den sicheren Tod voraus. Das Gegenteil ist eingetreten. TV ist mit über drei Stunden pro Tag nach wie vor das meistgenutzte Medium. Warum ist das so? Fernsehen hat Lagerfeuer-Wirkung, es bringt Menschen zusammen, Familie, Freunde, man schaut gerne gemeinsam etwas an. Bei Shows wie „The Voice of Germany“ versammeln sich fünf Millionen Zuschauer zeitgleich vor dem Fernsehgerät, das schafft kein anderes Medium. Menschen wollen große Emotionen auf einem großen Bildschirm in Top-Qualität. Und portable Geräte wie Handys oder Tablets treiben die TV-Nutzung weiter an. Das zeigt: Kein anderes Medium profitiert so stark von der Digitalisierung wie TV!

Warum ist das so?

THOMAS EBELING ... Online und TV haben eine natürliche Affinität. Bewegte Bilder sind der Treibstoff beider Medien, deshalb befeuern sie sich gegenseitig. Ich gebe Ihnen einige Beispiele: 60 Prozent der Fernsehzuschauer nutzen heute einen so genannten „Second Screen“, das heißt, sie sind während des Fernsehens mit einem Laptop, einem Handy oder einem Tablet im Internet unterwegs. In vielen Fällen — nämlich bei fast 70 Prozent der Parallelnutzer — setzt TV den Impuls, sich im Netz tiefergehend mit TV-bezogenen Inhalten zu beschäftigen. Wir konzipieren unsere Programme deshalb so, dass wir unseren Zuschauern auf dem zweiten Bildschirm ein komplementäres Erlebnis bieten: Bei einer Show wie „The Voice“ können sich User über die Social-TV-Plattform „Connect“ beispielsweise mit Freunden online zum Format austauschen oder an Votings teilnehmen. Das erhöht die Loyalität gegenüber unseren Fernsehprogrammen. Deshalb sehen wir das Internet auch nicht als Konkurrenz, sondern als Instrument, um die Bindung gegenüber unseren Formaten zu stärken.

Lässt sich das denn kapitalisieren?

THOMAS EBELING ... Ja, gerade in der Vermarktung eröffnen sich uns interessante Chancen. Der „Second Screen“ wird immer stärker zum Transaktionsmedium. Wir strahlen einen TV-Spot aus, verlängern ihn ins Internet, dort kann der Zuschauer ein Produkt dann direkt bestellen. Werbekonzepte, die neben dem klassischen TV-Spot weitere Medienkanäle einbinden, sind besonders wirkungsstark. Unsere Vermarktungstochter SevenOne AdFactory entwickelt deshalb individuelle, crossmediale Marketingkonzepte für Werbekunden und leistete 2012 erneut einen wertvollen Beitrag zum Neukundenumsatz.

Die Digitalisierung bietet einem Medienhaus wie ProSiebenSat.1 viele Chancen. Wo sehen Sie Herausforderungen?

THOMAS EBELING ... Eine Herausforderung ist sicher die Fragmentierung des Marktes. Im Grunde kann über das Internet heute jeder einen eigenen Sender betreiben und Content kreieren. Allerdings sind die Voraussetzungen nicht für alle gleich, wenn man beispielsweise an Google denkt. Ist Google eine Distributionsplattform oder ein Inhalte-Anbieter? Wenn es ein Inhalte-Anbieter ist, warum hat Google in Deutschland dann nicht die gleichen Auflagen zu erfüllen wie ein privates TV-Unternehmen? An uns werden deutlich höhere Anforderungen gestellt, die auch richtig sind, zum Beispiel beim Thema Jugendschutz oder der Produktion von Nachrichten. Gleichzeitig treten mit Google oder Facebook internationale Player in den deutschen Markt ein, für die die strengen regulatorischen Bedingungen nicht gelten. Wir brauchen deshalb eine neue Medienordnung. Es wird eine Herausforderung für die Politik sein, die richtigen Antworten zu finden.

Sie haben bereits darüber gesprochen, dass ProSiebenSat.1 mit seinen Medienangeboten täglich viele Millionen Menschen erreicht. Das bringt auch eine gewisse Verantwortung mit sich. Wie kommen Sie dieser Verantwortung nach?

THOMAS EBELING ... Gerade dadurch, dass wir so viele Menschen erreichen, können und wollen wir Botschaften transportieren. Unser Ziel ist es, Jugendliche und junge Zuschauer stärker an gesellschaftlich relevante Themen heranzuführen. Wir engagieren uns mit klassischen Charity-Aktionen wie dem „RED NOSE DAY“. Darüber hinaus sensibilisieren wir junge Menschen mit Initiativen wie dem „Tolerance Day“ für gesellschaftliche Belange. Wir haben 2012 mit Stefan Raabs Polittalk „Absolute Mehrheit“ ein sehr innovatives Format auf Sendung gebracht. Stefan Raab hat mit seiner ersten Sendung so viele junge Zuschauer erreicht wie sieben Talk-Formate der Öffentlich-Rechtlichen gemeinsam während einer ganzen Woche. Dies zeigt, dass es hier ein Bedürfnis gibt und wir nehmen diese Verantwortung gerne an. Außerdem kümmern wir uns weiterhin um die Themen Ökologie und Integration. Wichtig ist, es so anzugehen, dass junge Menschen Spaß daran haben und Lust bekommen, sich zu engagieren.

Lassen Sie uns zum Schluss in die Zukunft blicken. Wenn ProSiebenSat.1 zum Entertainment Powerhouse werden soll, wo sehen Sie mittelfristig die großen Wachstumsfelder?

THOMAS EBELING ... Ganz klar in unserem Segment Digital & Adjacent. Hier werden wir in den kommenden Jahren hohe Wachstumsraten verbuchen, durch organisches Wachstum, aber auch durch strategische Akquisitionen. Im deutschsprachigen Free-TV, unserem Kerngeschäft, eröffnet sich uns durch die steigende Verbreitung von HD-fähigen Fernsehgeräten ein enormes Potenzial. Außerdem werden wir in den kommenden Jahren weitere TV-Sender gründen und dadurch neue Zielgruppen im Zuschauer- und Werbemarkt gewinnen. Ich blicke sehr optimistisch in die Zukunft, die ProSiebenSat.1 Group ist optimal positioniert, um von der Transformation der Medienlandschaft zu profitieren. Wir haben ein äußerst engagiertes und kreatives Team. Ich finde es beeindruckend, mit welchem Einfallsreichtum und mit welcher Leidenschaft unsere Mitarbeiter neue Ideen und Produkte entwickeln. Wir sind strategisch und personell hervorragend aufgestellt, um die Wachstumsgeschichte der ProSiebenSat.1 Group erfolgreich fortzuschreiben.